Fette Überschrift und ein Vorurteil steht. Zumindest in den Köpfen vieler MAZ-Leser, die sich aus Zitaten aus meiner Stasi-Akte eine Meinung bilden sollen. Lachmann hat Kollegen ins Visier genommen, also war er ein Stasi-Spitzel. So läuft die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Jeden und Jede in einen Sack stecken, kräftig durchschütteln, feste draufhauen und fertig ist die Kollektivschuld. In einem wahren Rechtsstaat gibt es aber keine Kollektivschuld. Wo bleiben die Einzelfallprüfung der Presse und die Chance selbst gehört zu werden?
Das Feststellen persönlicher Schuld und wem wurde geschadet? Das Entstehen meiner Stasi-Akte hängt mit einem schweren Vorkommnis in der NVA-Dienststelle Wusterwitz im Oktober 1974 zusammen. In Folge grober Verstöße gegen die militärische Wachsamkeit und Sicherheit verschwanden geheime Dokumente, deren Verbleib nie geklärt werden konnte. War es die Tat eines unzufriedenen Kompanieangehörigen oder waren die Dokumente zielgerichtet in die Hände der NATO gelangt? Dieses aufzuklären war nicht Aufgabe der Kriminalpolizei, sondern der Organe des MfS und der Militärstaatsanwaltschaft. Jeder stand unter Verdacht – auch ich. Und jeder von uns hatte ein Interesse an der Aufklärung. Tag und Nacht fanden Einzelverhöre über eine gesamte Woche statt. Im Verlauf dieser Verhöre unterschrieb ich eine Schweigepflichterklärung, in welcher ich mich zu Stillschweigen über den Inhalt der Gespräche und die aktive Unterstützung des MfS bei der Aufklärung dieses Vorkommnisses verpflichtet habe.
Dass das MfS mich von 1974 -1980 als GM (Gesellschaftlichen Mitarbeiter für Sicherheit) geführt hat, wurde mir erst 2006 bei der Überprüfung als Kreistagsabgeordneter bekannt. In der damaligen Überprüfungskommission des Kreistages befanden sich Vertreter aller Parteien, auch Männer, die sich in die Folgen solcher Vorkommnisse in einer Armee besser hineinversetzen konnten als eine junge Lokalredakteurin der MAZ. Diese Kommission befand 2006, dass die Akte keine belastenden Informationen enthält, die ein Öffentlichmachung oder eine Mandatsniederlegung erfordert hätten. Die gleiche Akte hat sich jetzt die MAZ besorgt und kommt offensichtlich zu anderen Schlussfolgerungen. Was steckt dahinter? Sensationsjournalismus? Ich würde es gern erfahren.
Meine Position zu den im Artikel genannten Beispielen ist folgende: Die Berichte sind nicht Ergebnisse von Bespitzelungen von Kollegen, sondern Geschehnisse, die sich im militärischen Alltag abgespielt haben. Diese wurden mit den Betroffenen militärisch oder auch in der Parteiorganisation der Kompanie ausgewertet und auch dem MfS mitgeteilt. In Folge des Vorkommnisses von 1974 wurde die Wachsamkeit und Sicherheit weiter erhöht. So war es ein schweres Vergehen, wenn ein diensthabender Funker im Gefechtsstand Dienstfrequenzen verließ und stattdessen mit seiner Funkstation Radiosender abhörte. In dieser Zeit wäre es nicht möglich gewesen, dienstliche Signale zu empfangen. Wenn ein Offizier und Mitglied der SED negative Stimmung zur Parteipresse (ND) verbreitete, war auch das ein Anlass sich mit ihm in der Parteigruppe auseinanderzusetzen. Als ehrenamtlicher Parteisekretär war es u.a. meine Aufgabe, Parteimitglieder ins Visier zu nehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie die Parteilinie verließen. Das dürfte in den heutigen Parteien nicht anders sein. Als Berufssoldat hatte ich einen Eid geschworen, der mich zu militärischer Wachsamkeit verpflichtete. Auch das ist heute in der Bundeswehr nicht anders. Ich werde am Dienstag, den 23.3. um 19.00 Uhr in einer öffentlichen Mitgliederversammlung der Linkspartei Wusterwitz zu meiner Akte Stellung beziehen und lade dazu alle interessierten Bürger ein. Ort: Speisesaal der Wilhelm-Götze-Schule Wusterwitz.
Bernd Lachmann
Wusterwitz