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Rede Andreas Bernig zum 70. Jahrestag der Befreiung

 

Lehnin, den 08.Mai 2015

Rede Andreas Bernig zum 70. Jahrestag der Befreiung

Anrede!

Als in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst Vertreter des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht vor den Vertretern der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die offizielle Urkunde über die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hatten, atmeten die Völker Europas auf.

Für sie war ein Krieg zu Ende, dessen Ausmaße, Zerstörungen und Opfer alles bis dahin Gekannte übertraf.

Fast 60 Millionen Menschen, darunter allein 6 Millionen Juden, verloren ihr Leben.

Mit dem Großdeutschen Reich war ein verbrecherisches System niedergerungen, dessen Weltherrschaftspläne und Herrschaftspraxis sowie Rassenwahn Millionen Menschen vernichtetet und die menschliche Zivilisation generell in Frage gestellt hatten.

Minderheiten und Andersdenkende wurden verfolgt und systematisch getötet, Nachbarstaaten angegriffen und verheert.

Es brauchte des militärischen Einsatzes der Alliierten, um die Herrschaft der Nationalsozialisten zu brechen und zu beenden.

Die deutsche Bevölkerung war aus sich heraus nicht in der Lage, dies zu tun - der Widerstand in Deutschland war zu schwach und in der Breite der Bevölkerung nicht verankert.

In das kollektive Bewusstsein der Völker Europas gingen diese Tage deshalb nicht allein als das Ende des Krieges, sondern vor allem als Tage des Sieges und der Befreiung ein.

Der Sieg der Alliierten beendete den zweiten Weltkrieg in Europa. Und heute begehen wir den 70. Jahrestag!

Anrede!

Der Sieg über den deutschen Faschismus und die Befreiung Europas bleiben eine Leistung aller Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung konnte die menschliche Zivilisation vor einem Terrorregime gerettet werden, das vor keinem Verbrechen zurückschreckte.

Die Bedrohung führte Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung und Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und politischer Orientierung zusammen.

Dennoch trug die Hauptlast im Kampf gegen Nazi-Deutschland die Sowjetunion.

Deshalb stehen wir heute an diesem Denkmal.

Die Sowjetunion hatte den entscheidenden Anteil am Sieg.

Die Ostfront war die Hauptfront des Zweiten Weltkrieges.

Das wurde selbst von den westlichen Verbündeten der UdSSR unter dem Eindruck der Ereignisse auch wiederholt gewürdigt.

Über 26 Millionen Opfer gehen allein zu Lasten der Völker der damaligen Sowjetunion.

Anrede!

Durch die voranschreitende zeitliche Entfernung des Ereignisses gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz berichten können.

Ich freue mich deshalb besonders, daß der Landtag in der letzten Woche mit einer entsprechenden Änderung des Feiertagsgesetzes den 8. Mai zum offiziellen Gedenktag erhoben hat.

Dieses Gedenken ist auch unbedingt erforderlich und nicht nur am 8. Mai, denn gerade angesichts der aktuellen steigenden Flüchtlingswelle fallen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass wieder auf fruchtbaren Boden.

Morgen um 10.00 Uhr, will die NPD an der Friedenseiche in Lehnin eine Kundgebung abhalten um altes verbrecherisches Gedankengut wieder aufleben zu lassen.

Verehrte Anwesende, das dürfen wir nicht zulassen!

Wir haben eine Gegendemonstration angemeldet und ich hoffe, dass wir uns alle Morgen um 10.00 Uhr auf dem Markgrafenplatz wiedersehen!

Zeigen wir gemeinsam den alten und neuen Nazis, daß ihre Ideologie hier in Lehnin nicht erwünscht ist.

Nazismus ist keine Meinung, Nazismus ist ein Verbrechen!

Anrede!

Nach einer jüngsten Forsa-Umfrage sind 42 % der Deutschen der Meinung, man müsse endlich einen Schlussstrich ziehen.

Aber genau das wäre der 1. Schritt um alte Fehler erneut zu begehen.

Wir sollten uns auch immer wieder daran erinnern, daß Brandenburg nach dem Ende des 2. Weltkrieges über 800.000 Flüchtlinge aufgenommen hat.

Über 1/3 der Brandenburger haben also selbst Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung.

Und die damaligen katastrophalen Verhältnisse nach dem Krieg sind mit den heutigen in keiner Weise vergleichbar!

Sorgen wir also alle gemeinsam für eine Willkommenskultur, in der Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben und in der die Erkenntnis aus der fürchterlichen Nazidiktatur, das die Würde des Menschen unantastbar ist, Allgemeingut wird.

Anrede!

Lange Zeit wurde des 8. Mai 1945 in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich gedacht. Bis Mitte der 80er Jahre war es im Westen der Tag des Zusammenbruchs oder der Tag der Niederlage.

Bis 1989 war es im Osten offiziell der Tag der Befreiung vom Faschismus und des Sieges der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg.

Mit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker von 1985 und durch die friedliche Revolution in der DDR 1989 ist der Weg dafür frei geworden, in einem gemeinsamen, umfassenden Sinne dieses Tages zu erinnern.

Richard von Weizäckers Rede zum 8. Mai 1985 hatte dabei wegweisenden Charakter für die alte Bundesrepublik.

An Prägnanz und Aktualität hat sie bis heute nichts eingebüßt. In der Rede heißt es u. a.:

„Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. [...]

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt:

Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.

Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.

Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen.

Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

Anrede!

Als wir in der Gemeindevertretung über diesen Gedenktag diskutiert haben, gab es auch die Auffassung, dass die Veranstaltung am 23. April stattfinden sollte, dem Tag, an dem Lehnin von der Sowjetarmee befreit wurde.

Das hat mich animiert, nach historischen Fakten zu suchen.

Ich habe sie in der Doktorarbeit von Matthias Helle aus dem Jahr 2008 gefunden. Er schreibt:

„In der zweiten Hälfte des April 1945 wurde der Zauch-Belziger Kreis zum Kriegsschauplatz. Am 16. April hatte das sowjetische Oberkommando den Großangriff auf die Reichshauptstadt Berlin begonnen.

Starke Verbände der 1. Belorussischen Front brachen aus ihren Oder-Brückenköpfen westlich Küstrin und südlich Frankfurt aus.

Laut Plan sollten die Angriffskeile eine Zange bilden, um Berlin sowohl vom Norden und Süden her zu umfassen, wie auch frontal anzugehen.

Gleichzeitig traten Armeen der 1. Ukrainische Front an der Lausitzer Neiße im Raum Forst – Muskau zur Offensive an.

Die Kräfte der 1. Belorussischen Front wurden durch den erbitterten deutschen Widerstand auf den Seelower Höhen gebremst.

Deshalb befahl Sowjet-Diktator Stalin am 17. April der 1. Ukrainischen

Front, mit der 3. und mit der 4. Gardepanzerarmee, die sich von der Neiße zur Spree bei Spremberg vorkämpften, nach Norden einzuschwenken und in den Raum südlich und südwestlich Berlin vorzudringen.

Dieser Stoß in die Tiefe, im Rücken der bei Frankfurt (Oder) – Guben verteidigenden deutschen 9. Armee vorgetragen, wirkte sich für die deutsche Seite verheerend aus.

Am 21. April, nur fünf Tag nach Beginn der Offensive, erreichten

Panzerspitzen der 3. und 4. Gardepanzerarmee bei Beelitz – Treuenbrietzen die östliche Kreisgrenze von Zauch-Belzig.

…………….

Am 23. April, morgens um sechs Uhr, stürmten Truppen der 4. Gardepanzerarmee mit einer größeren Anzahl Kampfwagen nebst aufgesessener Infanterie und mit lautem „Urä!“-Geschrei nach Beelitz hinein, ohne auf Widerstand zu treffen.

Weder Wehrmachts- noch Volkssturmeinheiten hatten sich zum Verteidigungskampf gestellt.

Durch Beelitz rasselten die Panzer weiter auf der Straße nach Nordwesten.

An der Vormarschroute lagen die Beelitzer Heilstätten.

Der Verwaltungsdirektor der Heilstätten ging unter einer weißen Fahne zusammen mit einem Dolmetscher den Truppen entgegen und übergab seine Einrichtung formell, um sie vor Kampfhandlungen zu schützen

Eine Schweizer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes versuchte, die Heilstätten insgesamt zum internationalen Gebiet zu erklären.

Man hoffte, auf diese Weise das Heilstätten-Areal, wo sich u.a. ein Reservelazarett befand und auf das sich auch viele Zivilisten aus Beelitz geflüchtet hatten, halbwegs zu schützen

Es kam trotzdem zu Übergriffen.

Am Nachmittag erreichten die von Beelitz kommenden Panzerspitzen Lehnin.

Dort stießen sie auf Gegenwehr.

Lehnin und das nahe gelegene Nahmitz an der Reichsautobahn 2 wurden trotzdem ziemlich schnell erobert.

Parallel dazu bewegten sich zwei Angriffskeile der 3. Gardepanzerarmee auf Potsdam und Caputh zu.

Treuenbrietzen, das für einige Stunden nochmals von deutschen Kräften besetzt war, fiel erneut in die Hand der Roten Armee.“

Soweit zu den konkreten Ereignissen vor 70 Jahren hier in Lehnin.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!




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